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Dr. Gisela Schneider,
Direktorin des deutschen Instituts für ärzliche Mission (DifäM), Tübingen
Am offenen Fenster
Ein offenes Thema begleitet uns an diesem Tag des Erntedank- und Missionsfestes. Was verbinden wir damit, - am offenen Fenster? Sicher haben wir ganz unterschiedliche Assoziationen zu diesem Thema, manche positive und erwartungsvolle, andere eher zurückhaltende oder ängstliche.
Künstler aller Zeiten haben dieses Thema schon bearbeitet. Berühmt geworden sind „die Briefleserin am offenen Fenster“ von Jan Vermeer oder auch „der Weber am Fenster“ von Vincent van Gogh. Aber auch in neuester Geschichte wurde über das offene Fenster nachgedacht und geschrieben. Ich will euch heute mitnehmen an 2 offene Fenster, die uns in unserer Bibel begegnen und zwar im alten und Neuen Testament.
Das offene Fenster der Kraft: Dieses offene Fenster begegnet uns in Babylon. Dort lebt ein Prophet, der es in seiner Karriere bis in höchste Staatsämter gebracht hat und der dem Wort des Jeremia gefolgt ist: „Suchet der Stadt Bestes, da ich euch habe wegführen lassen.“ Aber trotz seines großen Engagements in der Administration Babylons hat er nie seine Quelle verlassen. Dreimal am Tag betet er am offenen Fenster, das nach Jerusalem gerichtet ist. Er weiß sich abhängig von dieser Quelle der Kraft und ohne seinen Herrn, kann er seine wichtigen Aufgaben nicht wahrnehmen. Aber dafür bezahlt er einen sehr hohen Preis. Kollegen und Neider bringen den König dazu, Daniel in die Löwengrube werfen zu lassen. Aber auch da erfährt er, dass diese Quelle der Kraft mitten in der Gefahr stand hält und trägt. Unverletzt kommt Daniel aus der Löwengrube heraus. Diese Erfahrung Daniels fordert uns alle heraus, so ein offenes Fenster in unserem Alltag einzurichten, wo wir Kraft schöpfen können und Orientierung finden mitten in unserer Welt, die uns jeden Tag neu vor Herausforderungen stellt. In der Beziehung zu Jesus müssen wir so verankert sein, dass wir auch den Krisen unserer Welt standhalten können.
Das offene Fenster der Veränderung: Nun ein großer Sprung ins Neue Testament. Dort finden wir Paulus unterwegs auf seinen Missionsreisen. Er ist in Troas und will am nächsten Tag wieder aufbrechen. Da gibt es noch diese letzte Chance, den Mann Gottes zu hören und es gibt so vieles, was er seiner jungen Gemeinde mit auf den Weg geben will.
So ist die Gemeinde zum Abschied versammelt, um Paulus noch einmal zu hören und auch gemeinsam das Abendmahl zu feiern. Einer der Zuhörer macht es sich auf der Fensterbank gemütlich – zu gemütlich. Er schläft ein und fällt aus dem Fenster, vom 3. Stockwerk. Und Paulus unterbricht seine Predigt und geht hinunter. Er weckt Eutychus wieder auf und dann wird gemeinsam Abendmahl gefeiert. Ob Eutychus tot war oder bewusstlos, das wissen wir nicht. Anzunehmen ist, dass er tot war, beim Sturz aus dem Obergeschoss. Aber auf jeden Fall erleben wir hier, wie Paulus gebraucht wird, um das Leben dieses jungen Mannes zu retten.
Ob in der Gemeinde in Troas später noch irgendjemand sich an all das erinnert, was an diesem Abend gesagt wurde, weiß ich nicht, aber eines ist sicher: Das Leben des Eutychus war grundsätzlich verändert und die Gemeinde hatte eine neue Lektion in Sachen Glauben gelernt. Sie haben Transformation erlebt, Veränderung – ganz praktisch. Unsere Welt heute ruft nach Veränderung. Veränderung der Finanzordnung, der Weltordnung. Die Führer unserer Zeit sind bemüht.
Aber wer schafft denn eigentlich Veränderung. Veränderung oder Transformation kommt eigentlich nur da zustande, wo Menschen neu dem lebendigen Herrn begegnen, so wie Eutychus in jener Nacht. Ja ich möchte sagen, Veränderung braucht Mission. Was aber bedeutet Mission?
Der Begriff Mission ist in unserer Gesellschaft und vor allem in den Kirchen oft sehr negativ belegt. Dabei machen wir uns oft keine Gedanken darüber, was Mission eigentlich bedeutet. Mission beginnt ganz am Anfang unserer Bibel, da wo wir lesen: „es war wüst und leer“ – da beginnt die Mission Gottes mit dieser Welt. Gott spricht und dann wird aus Chaos – ein Cosmos. Durch Gottes Wille und Wort geschieht Veränderung und echte und tief greifende Transformation. Gott nimmt den Menschen mitten hinein in seine Mission mit dieser Welt. Gott überträgt uns die Verantwortung, seine Schöpfung zu verwalten und zu bewahren. Wir wissen sehr gut, dass dies nicht lange gut ging und der Mensch sich von Gott trennte. Aber auch da begegnet uns die Mission Gottes in dieser Welt wieder. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird der Heilsgedanke, den Gott mit dieser Welt und den Menschen in dieser Welt hatte, deutlich: Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen: Der soll Dir den Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse stechen… (1.Mose 3,15)
Gott wird einen Retter senden, der der Schlange den Kopf zertreten wird. Und Gott macht seine Mission in dieser Welt wahr. Gott wird Mensch im Stall von Bethlehem, er wird als Kind hineingeboren in eine Welt von Korruption, Ungerechtigkeit, Unterdrückung. Und dann ist Gott Mensch in Jesus und er kennt Hunger, Einsamkeit, Leiden. Er nimmt sich der Nöte seiner Mitmenschen an, heilt, stillt Hunger und Durst nach Leib und Seele. Er hat den Mut auch die Diskriminierten und Verstoßenen seiner Gesellschaft anzufassen, anzunehmen und ihnen neues Leben zu schenken. Und am Ende versöhnt Gott Menschen mit sich selber durch den Tod Jesu am Kreuz. Als Jesus ausruft: „Es ist vollbracht!“, ist die Mission Gottes in Erfüllung gegangen und wird am Ostermorgen besiegelt durch die Auferstehung von den Toten.
Somit ist Mission immer begründet in der Trinität unseres Gottes. Gott sandte den Sohn, der Vater und der Sohn sandte den Heiligen Geist und Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist senden die Gemeinde mitten in diese Welt hinein. Jürgen Moltmann formuliert es so: “Es ist nicht die Kirche, die eine Mission der Errettung in dieser Welt hat, sondern es ist die Mission des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in dieser Welt, die die Kirche mit einbezieht”
Die „Missio Dei“ geht von Gott selber aus und ihr erstes Ziel ist es, Gott zu verherrlichen. Joh 17,1: „Vater, die Zeit ist gekommen. Verherrliche Deinen Sohn, dass der Sohn dich verherrliche!“ Das Ziel der Mission ist es also Gott zu verherrlichen und zu SEINER Ehre da zu sein.
Die Missiologen sprechen vom doxologischen Prinzip der Weltmission. Hat Jesus mein Leben so verändert, dass ich ihm da, wo er mich hingestellt hat, Ehre bereite? Das macht ein Leben spannend und erfüllt. Jesus hat uns dieses Leben in seiner Fülle versprochen: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben in Fülle haben“ Joh 10,10
Wer diese Veränderung erlebt hat am „offenen Fenster“, der darf sich dann auch einsetzen lassen im Dienste der Mission: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich berufen hat. Er hat mich gesandt den Armen die frohe Botschaft zu bringen, den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, den Blinden, dass sie sehen sollen und den Unterdrückten, dass sie bald von jeder Gewalt befreit sein sollen…“ Jes 61,1-2/Luk4
Hier geht es nicht nur um eine Predigt, sondern um den ganzen Einsatz mit unserem Leben. Und das fordert uns dann auch heraus, uns mit unserer Welt auseinanderzusetzen und klar Stellung zu beziehen, als Anwälte der Armen und Unterdrückten. So dürfen wir mit unserem Leben und Einsatz dazu beitragen, dass es in dieser Welt zu Transformation kommt, dass Veränderung sichtbar wird, ja dass wir Menschen teilnehmen können am „Reich Gottes in dieser Welt“.
Hier will ich Euch einfach kurz mit hinein nehmen wie das ganz praktisch bei unseren Partnern weltweit aussieht. Ich war ja selber viele Jahre in Afrika und habe es erlebt, wie Gott Menschen herausgeholt hat aus einem Leben der Armut und Unterdrückung und ihnen neu Sinn geschenkt hat, auch wenn sie mit HIV gelebt haben.
Heute möchte ich Euch von Mike erzählen, einem jungen Arzt im Kongo. Ich habe ihn 2007 zum ersten Mal getroffen. Damals kam er zu einem unserer Kurse in Kampala. Ich war inzwischen schon zweimal in Nyankunde, in seinem Krankenhaus. Mike ist in Nyankunde geboren und aufgewachsen. Als Sohn einer wichtigen Familie dort, konnte er dann in Kisangane studieren. 2002 während er noch Student war, hat er miterlebt, wie viele seiner Familienmitglieder beim Überfall der Rebellen in Nyankunde ums Leben kamen. Trotzdem kam Mike nach seiner Ausbildung zurück. Er arbeitet als Arzt mit dem Centre Medicale Evangelique und er erzählte mir 2007: „Ich gehe wieder nach Nyankunde, weil die Menschen dort Gesundheitsversorgung brauchen und ich als Christ einen Auftrag dazu habe.“ Und seitdem hat er dieses Krankenhaus wieder aufgebaut. Mitte Oktober 2008 kam es wieder zu einem Rebellenüberfall. Die Mitarbeiter des Krankenhauses mussten fliehen. Gemeinsam haben sie überlegt: Gehen wir wieder zurück, ja oder nein? Und gemeinsam haben sie sich dafür entschieden: Wir gehen wieder zurück und machen weiter. Die Menschen brauchen uns gerade jetzt. Und so macht das Krankenhaus mitten in der schwierigen Situation weiter – als Christen mitten in den Unruhen.

Das ist Missionsarbeit, hier geschieht Veränderung. Menschen haben den Mut, so wie Daniel, mitten in einer sehr schwierigen Situation, sich ganz einzusetzen und ihren Glauben zu leben. Das Deutsche Institut für ärztliche Mission unterstützt das Team in Nyankunde gerade in dieser schwierigen Zeit. Ich habe Mitarbeiter bei CME einmal gefragt, ob man im Ostkongo heute tatsächlich etwas tun kann. Da kam die Antwort: „Ich bleibe da und baue wieder auf“, „Wenn wir warten bis es Frieden ist, werden wir nie auf die Füße kommen. Wir müssen heute wieder aufbauen“. So gebraucht Gott Menschen, damit Transformation sichtbar wird auch heute.
Bleib nicht am Fenster stehen. Das offene Fenster ist interessant, man kann beobachten, frische Luft schnuppern, aber die Frage ist, ob wir am offenen Fenster stehen bleiben. Gott schenkt uns den Blick über den Zaun, um uns zu ermutigen, uns neue Ideen zu schenken, aber er möchte nicht, dass wir stehen bleiben. Sondern der Blick aus dem Fenster soll uns wieder in Bewegung bringen. Auch als Christen in Europa müssen wir wieder ganz neu in Bewegung kommen, als Mennoniten in unserer heutigen Zeit. Was ist unser „Babylon“ oder „Persien“ heute. Vielleicht die Finanz- oder Wirtschaftskrise, die Milliarden von Menschen, die heute von weniger als $ 2.— am Tag leben, oder die 33 Millionen Menschen, die mit HIV leben, oder auch unser Nachbar, der einen Migrationshintergrund hat.
Jesus hat uns gesagt: „So wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch“ – gestärkt durch das offene Fenster des Gebetes, bevollmächtigt vom Vater, können wir heute hineinwirken in unsere Welt, die dieses Salz und Licht der Erde unbedingt braucht.
Predigt beim Erntedank- und Missionsfest des Verbandes deutscher Mennonitengemeinden am 26. 10. 2008
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