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Faszination Äthiopien PDF Drucken E-Mail

Barbara Hege-Galle
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ImageVom 6. bis 20. Oktober war eine Delegation der Arbeitsgemeinschaft mennonitischer Gemeinden (AMG) zu einem Partnerschaftsbesuch bei der Meserete Kristos Church (MKC), der mennonitischen Kirche Äthiopiens eingeladen.
Vor 6 Jahren hat die Partnerschaft mit der Einladung zweier Ehepaare aus der Leitung der Gemeinden der MKC  nach Deutschland begonnen. Ein Jahr später reiste eine 6köpfige Delegation von Deutschland nach Äthiopien. Diesmal waren es 8 Personen: Werner Funck und ich vom AMG-Vorstand, Christoph Landes und Roswitha Funck vom Mennonitischen Hilfswerk, Anna Gossen vom Missionskomitee, Peter Hübert von den so genannten WEBB-Gemeinden in Wolfsburg, Espelkamp, Bielefeld, Bechterdissen sowie Oene und Imy de Vries im Auftrag des niederländischen Hilfswerks. Ziel der Reise war, die Partnerschaft aufzufrischen und zu vertiefen.

Mulugeta Zewdie, Exekutivsekretär der MKC hatte das Besuchsprogramm vorbereitet. Während  beim ersten Besuch das Kennenlernen der Strukturen und der Gemeinden in Addis Abeba im Vordergrund stand, waren wir diesmal weiter im Land unterwegs. Schnell zeigte sich, dass die Gemeinden der MKC sich weiterentwickelt haben. Auch die Kirchenleitung in Addis hat sich erweitert: Das Hilfswerk hatte damals 3 Personen angestellt, heute hat es mehrere  Abteilungen: Patenschaftsprogramme, Wirtschaftsentwicklung, Nothilfe, Nahrungsabteilung und HIV-Programm mit insgesamt 22 Mitarbeitern in der Zentrale. Die Friedensarbeit hat ein Komitee gebildet; ebenso die Frauenarbeit. Immer noch wachsen die Gemeinden schnell, zwar nicht mehr ganz so schnell wie vor 5 Jahren, aber immer noch mit ca. 12% im Jahr. Heute gibt es im Land 335 Gemeinden, organisiert in 18 Regionalkonferenzen mit insgesamt 120.000 Mitgliedern und ca. 126.000 Taufbewerber/innen, Freunden und Kinder. Jede Gemeinde hat ein oder mehrere Gemeindegründungsprojekte oder Tochtergemeinden.
Die Armut im Land ist groß, die Gemeinden müssen sich um die Nöte der Gemeindeglieder und derer, denen sie das Evangelium verkünden wollen, kümmern. Dabei fehlen nicht nur finanzielle die Mittel; der Großteil der Gemeindeglieder ist arm. Deshalb hat hier unsere Partnerschaft am deutlichtsten Gestalt angenommen.

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Schule der Gemeine in Mojo

Wir besuchten zahlreiche Gemeinden und gewannen einen guten Eindruck, wie die Gemeinden die Probleme angehen. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Gemeinde vor Ort und Freiwillige koordinieren die Arbeit, begleiten die betroffenen Menschen mit viel Liebe und Engagement. Die Programme werden von der Kirchenleitung in Addis betreut So zum Beispiel auch das Selbsthilfeprogramm. Hier wählt ein Komitee bedürftige Personen, meist Frauen aus und prüft, welche Art von Kleinunternehmen für sie sinnvoll sind und wer mit was beginnen sollte. Aus Hilfsgeldern werden Kleinstkredite in der Größenordnung von 80 – 100 Euro an eine Gruppe von Frauen gegeben. Eine Frau beginnt z.B. einen Laden, einen Marktstand, oder eine Brotbäckerei. Die Gruppe trifft sich regelmäßig und berät sich untereinander. Die Frauen „haften“ gemeinsam, dass das „Unternehmen“ gelingt. Die Unternehmerin zahlt Zins und Tilgung und spart selbst Kapital an, das weiter verliehen wird.

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In  Mojo hat 1999 eine Gruppe mit 17 Personen begonnen, heute sind es 42. Für dieses Projekt waren der Frauenarbeit der MKC beantragt vom Weltgebetstag 2500 Euro zur Verfügung gestellt worden. Daraus ist ein Kapital von 11.000 Euro geworden, mit dem die Selbsthilfegruppe arbeiten kann.
In Metahara haben sich 55 Frauen organisiert. Auch sie hatten eine Zuwendung durch den Weltgebetstag erwartet, sie aber nicht bekommen. Dennoch begannen sie sich zu treffen, Unternehmensideen zu kreieren, Marktforschung zu betreiben und zu sparen. In 18 Monaten haben sie zusammen 80 Euro sparen können!
In Boricha, wo vor 5 Jahren drei Jahre lang eine große Trockenheit herrschte, wurde unterstützt von MCC und unserm Hilfswerk Katastrophenhilfe im großen Stil geleistet. Jetzt wird nachhaltig weitergearbeitet, um eine solche Katastrophe in Zukunft verhindern zu helfen. Parallel dazu hat ein Evangelist begonnen, das Evangelium zu verkünden.  Heute gibt es ca. 1500 Gemeindeglieder in 9 Teilgemeinden, wo vor 5 Jahren noch keine MKC-Gemeinde bestand.
HIV-Infektion und Aids sind im ganzen Land ein großes Problem. Mancherorts sind
17 % der Bevölkerung infiziert; der Landesdurchschnitt liegt bei 12%. Während wir hier meist davon ausgehen, dass unsere Gemeinden nicht von Aids betroffen sind, ist Aids in Äthiopien ein existentielles Problem für viele Gemeindeglieder. Aids ist nicht nur eine Krankheit, sondern es bedeutet meist auch den wirtschaftlichen Ruin einer Familie.
Das HIV Programm der MKC-Gemeinden bedeutet einerseits Aufklärung, Unterstützung durch Selbsthilfegruppen und finanzielle Unterstützung von Aids-Waisen. Theatergruppen klären auf, wie Aids sich verbreitet und was es für die betroffenen Kinder bedeutet. Menschen werden ermutigt, über ihre Infektion zu sprechen. Die Gemeinden verlangen einen Aids-Test vor einer Heirat, um Gesunde vor der Krankheit zu schützen. In Hosanna wurden wir in die Häuser von Menschen eingeladen, die durch dieses Programm der Gemeinde neue Hoffung bekommen haben. Ich denke an Alvas: Sie lebt mit ihrem 12-jährigen Sohn zusammen; zwei ältere Kinder sind in anderen Familien untergebracht. Vor 5 Jahren ist ihr Mann an Aids gestorben. Vor 3 Jahren war sie so krank, dass sie sich kaum noch bewegen konnte. Jetzt geht es ihr wieder ganz gut. Sie hat von der Gemeinde Geld zur Behandlung bekommen und mit einem Darlehen von 1050 Birr, ca 105 € einen Eselskarren mit Esel gekauft, mit dem ihr Sohn halbtags Lasten für andere transportiert und so Geld verdient. Halbtags schickt sie ihn in die Schule. Inzwischen haben sie noch zwei Ziegen anschaffen könsnen. 1000 Birr  haben sie angespart und davon einen Laden eröffnet. Sie planen, Kühe zu kaufen und auch die anderen Kinder wieder in die Familie zurückzuholen. Das erste Junge der Ziegen gibt sie der Gemeinde als Zehnten.

Theologische Ausbildung wird in der MKC als sehr wichtig angesehen. Gemeinden senden ihre Mitarbeiter zum Studium an das Meserete Kristos College nach Addis. In verschiedenen Programmen wird hier unterrichtet. Das Programm wächst, auch der College-Neubau in Debrezeit wächst. In Nekemt entsteht ein kleineres College. Hier wird in der Oromosprache gelehrt, das ca. von der Hälfte der Meserete Kristos Gemeinden gesprochen wird.
Die Beispiele spiegeln wieder, dass wir schwerpunktmäßig Projekte im Hilfswerksbereich besucht haben. Dabei geht Hilfe und Evangeliumsverkündigung in Äthiopien ganz selbstverständlich Hand in Hand. Wo das Hilfswerk eine Arbeit beginnt, folgt die Mission. Wo Mission geschieht, folgt praktische Hilfe.
Immer wieder war es die Begegnung mit Menschen vor Ort, die mich berührt hat. Brüder und Schwestern, die mit uns ihre Nöte und ihre Erfahrungen und den Glauben an unsern gemeinsamen Herrn, Jesus, teilten. Selten hatte ich das Gefühl, dass ich gebeten oder gar angebettelt werde. Meistens spürte ich die Not, sah das Elend und war beeindruckt von der Weisheit und Hingabe der verantwortlichen Leute. Immer wieder aber war auch das Wirken Gottes ganz deutlich zu spüren, dass das Leben der Menschen verändert.

An allen Orten haben sich die Geschwister bei uns bedankt für die Hilfe, die ihnen durch uns zuteil wurde. Diesen Dank möchte ich an dieser Stelle weitergeben.
Zwei intensive Wochen der Begegnung und voller Eindrücke lassen sich schwer zusammenfassen. Was bleibt ist die Faszination, wie Gott in den Gemeinden in Äthiopien wirkt, wie die Geschwister ihren Glauben vom Wort zur Tat umsetzen ohne in Aktivismus oder Wohltätigkeit zu enden.
Die Vision für Mission über die äthiopischen Landesgrenzen hinweg, so zum Beispiel im Sudan und in Dschibuti ist beeindruckend. Auch das intensive Gebet der Geschwister. So erwähnte Kenna, der uns ein Stück Wegs begleitet hat, ganz nebenbei, dass er morgens um 4 Uhr immer angerufen wird, um eine Stunde zu beten. Christen im Land haben sich zusammengetan, um für die politisch schwierige Lage zu beten und das rund um die Uhr.
Eigentlich hatten wir an einer Mitgliederversammlung der MKC teilnehmen wollen. Jedoch wurde uns kurz vor Abreise mitgeteilt, dass diese verschoben sei. Die Gründe erfuhren wir später: Es war zu kritisch, eine große Versammlung zusammenzurufen. Nach unserer Rückkehr erfuhren wir, dass die Versammlung auch nicht Anfang November stattfinden konnte, denn die Lage hatte sich durch die gewaltsame Niederschlagung einer Demonstration der Oppositionspartei durch die Regierungspartei zugespitzt. Die Menschen sind verunsichert und haben Angst, schrieben uns die Geschwister aus Äthiopien.
Neben der Faszination stellten sich mir auch viele Fragen so zum Beispiel warum ist Äthiopien so arm ist und ich in einem reichen Land wie dem unseren, frei aller materieller Sorgenleben darf?  Es war mir sehr wertvoll, auch solche Fragen mit den Geschwistern austauschen zu können. Tsegaye, ein Mitarbeiter im dortigen Hilfswerk, antwortete mir: Sei dankbar und teile! Partnerschaft heißt teilen und zwar gegenseitig. Das haben wir ein Stück erleben können.

 
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